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Melancholia

und der Ich-Verlust im Netz

 


Interview mit Kuratorin Claudia Voit anläßlich der Ausstellung >standort< (Vol. 2) von KunstVorarlberg in der Feldkircher Villa Claudia im April 2014.

(Langfassung)


Claudia Voit: Du bist gerade zurückgekehrt aus Berlin, wo du einen länger geplanten Arbeitsaufenthalt verbracht hast. Entstanden ist eine Fotoserie, die dein Interesse an Licht mit dem an der Stadt Berlin - repräsentiert durch ihre Architektur - zusammenbringt. Kannst du das Projekt kurz skizzieren? Wie gehst du vor?


Hermann Präg: Ich suche ein Motiv, ein Gebäude, oder besser einen Gebäudeteil, den ich für meine Zwecke für geeignet halte. Es ist eine langsame Annäherung. Es entstehen erste Fotos. Meist ist es notwendig, das Motiv nochmals auf eine andere Weise aufzunehmen. Das Wichtigste passiert bereits bei der Aufnahme. Perspektive, Ausschnitt und häufig auch das richtige Verhältnis zum Leerraum sind ganz entscheidend. Nachbearbeitungen dienen nur der Qualitätsverbesserung, da Licht zu fotografieren, eine sehr große Herauforderung ist. Bei der Motivwahl besteht nicht die Absicht, ein Gebäude erkennbar wiederzugeben, sondern es geht darum, das Licht im Bild in eine geeignete Form zu bringen. Das Licht wird gewissermaßen gebändigt.


CV: Genau genommen stehen in deinen Fotografien die beiden Motive Licht und architektonischer Körper gleichwertig nebeneinander: bei Nacht fotografiert, werden die von innen beleuchteten Architekturen auf ihre Grundstrukturen reduziert, Gebäude und - häufiger noch in deiner Serie - charakteristische Fragmente von Gebäuden erscheinen als ihr eigenes schwarz gezeichnetes Skelett, das sich vor dem weißen Licht, das aus ihrem Inneren kommt, abhebt. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die Wahl deiner Gebäude: Ausnahmslos handelt es sich um signaturhafte, den Inbegriff moderner urbaner Bauweise verkörpernde Architekturen, strenge, klar gegliederte Baukörper mit vielen Durchbrüchen und transparenten Flächen. Ist bei Tag die gebaute Architektur dreidimensionaler, raumaufspannender Körper, so wird sie in der Nacht zur zweidimensionalen Zeichnung und wird stattdessen das Licht selbst scheinbar zum Körper. Liegt in dieser Umkehrung dein Interesse? Und was fasziniert dich am Licht bzw. am künstlichen Licht?

 

HP: Diese Frage ist sehr interessant, da die Umkehr in meinen gewohnten Lichtobjekten aus Acrylglas ein Thema ist. Dort ist das Licht das Material, das ich bearbeite, das dann im fertigen Zustand zum Körper wird. In einer Zeichnung dagegen, ist das Licht immer der Restanteil des Bildes, etwas das sozusagen übrig bleibt. Wieweit ich diese Umkehr in den Fotografien schaffe, weiß ich noch nicht. Aber schon die Tatsache, dass ich immer nachts arbeite, ist gewissermaßen eine Umkehr.

 

Was mich am Licht fasziniert ist das Elementare und seine Ursprünglichkeit. Deshalb arbeite ich selten mit farbigem Licht. Farbiges Licht ist bereits nur noch ein Teil des Ganzen. Ich verwende deswegen weißes, sehr gerne kaltweißes Licht.


CV: Ich kann einen Zusammenhang erkennen zwischen deinen Motiven - Licht und Architektur - und deiner Methode, deinem Werkzeug - der Fotografie, genauer: der Schwarz-Weiß-Fotografie. Fotografie, die auch als „Lichtmalerei“ bezeichnet wurde, bannt die dreidimensionale Welt auf eine zweidimensionale Fläche, indem die Licht- und Schatten-Reflexion des vor dem Objektiv sich befindlichen Motivs als weiße und schwarze Flächen sich in das lichtempfindliche Material einschreiben. Im klassischen Positiv-Negativ-Verfahren werden helle, also viel Licht reflektierende Motive, zu dunklen Flächen, dunkle zu hellen. Wenngleich du digital arbeitest, sind diese beiden Grundgedanken der Fotografie, also der sich selbst mit Hilfe von Licht abbildenden Natur sowie das Prinzip der Umkehrung - meiner Meinung nach ganz wesentlich für deine Arbeit, die ihren Reiz durch die Ambivalenz und das ständige Hin- und Herspringen zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Positiv und Negativ, zwischen Zwei- und Dreidemnsional, zwischen Innen und Außen erhält - was bedeutet die Arbeit mit der Fotokamera für dich und dein künstlerisches Interesse?

 

HP: Tatsächlich war ich schon als Kind von den Negativstreifen meines Vaters begeistert, der mit seiner Leica sehr gute Bilder machte. Das Negativ war für mich oft interessanter als das Positiv. Und es ist wirklich dieses Hin- und Herspringen, das mich interessiert. Es ist das Überschreiten der Grenze zwischen Innen und Außen, zwischen Konkret und Abstrakt. Manchmal erscheint mir das Zweidimensionale mehr zu sein, als das konkrete Dreidimensionale. Es weist stärker über sich selbst hinaus. Es ist mit einem Bild in einer Camera obscura vergleichbar, das ja auch auf eine Wirklichkeit verweist.

 

Ich hatte das große Glück in der Gemäldegalerie in Berlin in einer Sonderausstellung die "Melencolia I" von Dürer zu sehen. In diesem Kupferstich wird möglicherweise auch dieses Thema angesprochen. Ein melancholischer Engel sitzt in einer von Menschen konstruierten, sehr rationalen Welt. Es ist eine geometrische Welt. Werkzeuge und Messinstrumente sind zu sehen. Da gehört er eigentlich nicht hin. Seine Welt ist im Hintergrund zu sehen. Eine dunkle Fläche mit einem Kometen. Eine unheimliche Spannung zwischen zwei Welten, an dem der Engel möglicherweise leidet. 


Sicher hat Lars von Trier dieses Bild in seinem Film „Melancholia“ zum Vorbild genommen. Die kreative und geniale Protagonistin nützt ihre Fähigkeiten nicht für eine Karriere. Die Welt empfindet sie als eine Last. Sie wird erst stark, als ein heller Planet sich der Erde nähert. Sie fühlt sich von etwas angezogen, das ihren Mitmenschen völlig unbekannt bleibt. Diese scheitern, da ihr Rollenspiel keine Bedeutung mehr hat.

 

Lars von Trier kämpft mit seinen Filmen immer wieder gegen Einseitigkeiten der Rationalität und der Aufklärung. Diese entpuppen sich immer mehr als dogmatische Konstrukte menschlichen Denkens. Man versucht Wege in die Zukunft zu ebnen und schiebt in Wirklichkeit immer mehr soziale und ökologische Probleme vor sich her, die mit technischem Fortschritt alleine nicht mehr zu lösen sind.

 

Wenn wir schon beim Film sind: Ich gehe sehr gerne ins Kino. Das Kino ist ja auch eine Art Camera obscura, die andere Wirklichkeiten, das Außen in das Innen einströmen lässt.


CV: Ein zusätzliches Spannungsmoment erhalten deine Arbeiten durch die extremen Perspektiven: die Gebäudekanten werden zu stürzenden Linien, die Rundung eines Turms wird zur sich gegen den Nachthimmel absetzenden Kurve, zwei Gebäudeteile öffnen sich fast wie die Flügel eines Schmetterlings, eine spitz zulaufende Ecke eines besonders kühnen Gebäudes richtet sich fast bedrohlich auf den Betrachter. Die menschleeren Bilder bzw. Architekturen bekommen ein Eigenleben, das die Abwesenheit von Personen aber nur teilweise kompensiert - wie positioniert sich der Mensch, wie positionierst du dich in Beziehung zu dieser urbanen, nächtlichen Architekturlandschaft?

 

HP: Ich finde hier in Berlin ganz fantastische Motive, die für mich ganz wichtig sind. Das Urbane wird aber trotzdem nicht zum Thema. Die Architektur ist nur Mittel zum Zweck. Deshalb gibt es auch keine Beziehung zwischen Mensch und Stadt. Das hat nichts mit einer menschen- oder körperfeindlichen Haltung zu tun. Man kann allerdings feststellen, dass heute ein Körperkult, ein gesteigerter Individualismus und ein Konkurrenzdenken den Verlust des einzigartigen Subjektes kompensiert. Man existiert nur noch in Netzwerken oder gar nicht. Im Netz ist man gezwungen, Strategien zu entwickeln, sich immer neu zu positionieren oder sich gar neu zu erfinden. Das Netz ist flexibel und veränderbar und bietet viele Freiheiten. Gerade deshalb ist es aber auch sehr dünn gewoben. Vernetzung einerseits und Individualisierung andererseits führen zwangsläufig zu einer umfassenden Schwarmintelligenz und zu einem Schwarmverhalten. Man vergisst oft, dass auch ein Schwarm eine abgrenzende Funktion hat. Offenheit wird zur Geschlossenheit. Es mündet im Hier und Jetzt. Den Verlust von Ich, Tiefe und Außendimension sollten wir deshalb niemals in Kauf nehmen, wenn wir nicht in einer kollektiven Introversion ersticken wollen. Unter diesem Blickwinkel entstehen meine „Lichtbilder“.