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Offene Systeme

Der Zyklon als Symbol des 21. Jahrhunderts

 

Der Turmbau zu Babel als Symbol menschlicher Maßlosigkeit wird von Pieter Bruegel als spiralförmiges Gebilde, das nach innen immer enger und höher wird, dargestellt. Chajm Guski nennt ihn eine Investruine  und kritisiert in der Jüdischen Allgemeinen* unter dem Titel "Hochmut kommt vor dem Fall" wirtschaftliche Missstände der Gegenwart, indem er auf den entsprechenden Midrasch - einer Auslegung der Genesis - verweist: "Fiel ein Stein zu Boden, dann trauerte man um diesen, um Arbeiter jedoch nicht."

 

Zyklon

Ein anderes spiralförmiges Gebilde, das aufgrund der Umweltproblematik heute sehr vertraut ist, ist der Zyklon. Man könnte ihn als Bild für offene Systeme nehmen, wie Sie heute allgegenwärtig sind. Die Wirtschaft ist nur ein, aber doch sehr wichtiges Beispiel dafür.  Hierarchien der Vergangenheit wurden abgelöst durch Zentren mit zentrifugaler Wirkung. Es sind sich selbst organisierende Systeme ohne Außenkorrektiv. Sie haben die Eigenschaft, alle systemrelevanten Elemente an sich zu ziehen. Nach deren Verwertung werden die Produkte an die Umgebung wieder abgegeben. Hochwertiges bleibt im Innenbereich, minderwertiges kommt an die Randzonen. Auf diese Weise werden z. B. Kapital, hochwertiges Know-how und wichtige Rohstoffe angezogen und störende Elemente wie "minderwertige" Arbeitsplätze oder Abfallprodukte ausgelagert. Die Verwertung findet nahezu ausschließlich im zentrumsnahen Bereich statt.

 

Die zweite Seite offener Systeme

Offene Systeme
Offene Systeme

Voraussetzung für diese Zentrifugalkraft sind die geringen Reibungen. Je weniger Menschen in andere Systeme eingebettet sind, um so stärker sind die Kräfte wirksam. Eine atomisierte Gesellschaft ist die beste Grundlage für ein solches System. Alle Kräfte können dann neu geordnet werden. Wer dabei sein will, muss sich anpassen und flexibel bleiben. Das Zentrum hält das gesamte System in Schwung. Glücklich ist, wer sich im Zentrum befindet. Alle wollen von ihm profitieren. Eine Auslese wird somit notwendig. Es sind nicht unbedingt böse Menschen, die über Einlass oder Ausschluss bestimmen. Die Auslese findet innerhalb des Systems statt. Jedes Partikel, jeder Mensch, kämpft um sein Überleben oder gegen eventuelle Verluste. Jeder blickt ins Auge des Zyklons. Widerstreitende Interessen werden so minimiert. Jeder glaubt, durch Effizienz näher ans Ziel zu kommen. Effizienz heißt Minimierung der Reibungsverluste. Der Glaube an die Selbstoptimierung hält das System in Gang. Jeder hat die Freiheit, über sein Schicksal selbst zu bestimmen. Es ist ein sich selbst reinigendes und sich selbst schützendes System, das störende Schlacken an die Randzonen schleudert. Die systemimmanente Selektion ist die Kehrseite der "Offenheit". Genährt wird das System durch Ressourcen menschlicher und materieller Art. Sind diese aufgebraucht oder zerstört, fällt das System in sich zusammen.

 

Dotcom-Blase

Bereits vor einem Zusammenbruch sind vor allem das Zentrum und die Randzone die Problembereiche. Der Mittelpunkt des Systems kann durch eine extrem hohe Verdichtung an Kapital und zu starker Beschleunigung ausschließlich zentrumsorientierter Innovation zu einer Überhitzung führen. Ein totales Abheben mit Realitätsverlust ist die Folge.

 

Je dynamischer das System ist, umso größer werden die Geschwindigkeitsunterschiede zwischen innen und außen. Die Randzonen können nicht mehr mithalten. Es erhöhen sich dort die Fliehkraft und die Reibung mit den benachbarten Systemen. Die größte Reibung besteht aber darin, dass dort lebensnotwendige Rohstoffe unter menschenverachtenden Umständen zu Tage befördert werden. Nur unter größtem Druck fließt viel mehr Energie in Richtung Zentrum als je wieder zurückkommt. Die Kluft in der Wertschätzung von Rohstoffen einerseits und der des Menschen andererseits, ist dort am größten. Aber das konnte man ja schon vor rund 1500 Jahren in einem Midrasch lesen.

 


Hermann Präg, 2014



*Chajm Guski in: Jüdische Allgemeine, 30.10.2008, http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/1923


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