Zum Inhalt

Zur Navigation



Lichtinstallation Herz-Jesu-Kirche Bregenz

 

Anlässlich der zwei Jubiläen –  „50 Jahre Pfarre Herz-Jesu“ und „100 Jahre Herz-Jesu-Kirche“ – die die Pfarre im Jahr 2008 mit einer Reihe von Veranstaltungen feiert, entstand eine Lichtinstallation an der Westfassade vorgeschlagen. Die Installation hat die Aufgabe, sichtbar auf die Besonderheit des Jahres hinzuweisen.


Beschreibung

 

Zwei Reihen LED-Tubes wurden an einer 20 Meter langen Traverse befestigt. Diese befindet sich in einer Schräglage, sodass sie am Fuße der linken Klangarkade und am Ansatz des rechten Turmhelmes aufliegt und diesen überschneidet.

Die LED-Tubes leuchteten in der Nacht nach einem vorprogrammierten Ablauf auf und sind nur einen kurzen Augenblick zu sehen. Bis zum nächsten Aufleuchten vergingen anfangs eine Zeit von 50 bis 70 Minuten. Das Aufleuchten ist somit nicht wirklich vorhersehbar, allerdings werden die Abstände im Laufe des Jahres kürzer. Es erfolgt bis zum Zeitpunkt des Festgottesdienstes am 23. November 2008 gewissermaßen eine Verdichtung. Am letzten Tag ist ein permanentes Flimmern zusehen.

Bedeutung


Dualismus


Die Installation beinhaltet zwei gegensätzliche Dimensionen - einen Dualismus. Die klar und fest gebaute Architektur ist die dem Menschen vertraute und die von ihm konstruierte Welt. Der Lichtstrahl – nur in der Nacht zu sehen -  ist das nicht Greifbare, „das Andere“. „Andersheit heißt bleibendes MYSTERIUM, DUNKELHEIT UND LICHT ZUSAMMEN“ (01). Das „Andere“ meint einen unberechenbaren und unverfügbaren Bereich.

Es ist nicht unbedingt die Aufgabe eines Kunstwerkes, eine neue Philosophie zu entwickeln. Trotzdem soll die Installation hier in einen Bezug zu den letzten philosophischen Strömungen gestellt werden. Obwohl viele  Entwicklungen der Postmoderne nicht mehr wegzudenken sind, knüpft die Arbeit an einen Dualismus, der in den letzten Jahrzehnten aufgelöst werden sollte. Für das traditionell-westliche und  metaphysische Denken gibt es hinter jeder Wirkung eine Ursache und hinter jeder Wirklichkeit eine andere, transzendente Wirklichkeit. Es gibt externe Referenzpunkte, wie Wahrheit und Gott. (01a) Jacques Derrida versuchte diesen LOGOZENTRISMUS zu „dekonstruieren“ bzw. zu unterminieren.(02) Er löste damit auch ein hierarchisches Denken auf. Dazu gehört als weitere Folge auch die Auflösung des Subjekt-Objekt-Verhältnisses, das als letzte Konsequenz zu einem Verlust von „Ich“ und „Tiefe“ führt.(03)

 

Das Subjekt

 

Das Subjekt wurde bereits von Nietzsche zu einer FIKTION erklärt. Ohne Subjekt wird allerdings auch das Tabu der Verfügbarkeit des Menschen gebrochen. Es ist die Unverfügbarkeit, die den Menschen mit dem Außen verbunden hat. Ohne Subjekt wird der Mensch - so hat es zumindest vorübergehend den Anschein - von übergeordneten Ideologien befreit. Gleichzeitig wird er aber auf seine Körperlichkeit reduziert. Ein entsprechender Körperkult ist die Folge. Reine Körper sind beliebig veränderbar. Wie die Künstler Orlan und Stelark zeigen, setzt sich der Mensch Eingriffen aus und wird so zur verfügbaren Körpermasse. „Die EROBERUNG DES KÖRPERS“ (Paul Virilio) findet statt.

 

Umkehr der Hierarchie

 

Die Postmoderne versuchte den Menschen, von Hierarchien  zu befreien. Nun übt er selbst gegen sich und andere Gewalt aus. Früher steckte hinter jedem Bild eine höherwertige Idee. Diese Hierarchie wurde umgedreht. Das Bild wird zum Ausgangspunkt von Eingriffen in unsere Welt. Das ABBILD wird zum VORBILD. Daraus ergibt sich der konstruktive Charakter der Postmoderne. Das Bild wird zur Vorlage eines neuen Menschen und einer neuen Welt. Optimierte Bilder werden zur Norm. Die gewonnene Freiheit wandelt sich in ihr Gegenteil um.

 

Das Außen

 

Der Lichtstrahl an der Fassade der Herz-Jesu Kirche durchbricht die horizontale Wirklichkeit des Menschen. Das Zeitliche wird aufgebrochen, das Berechenbare erschüttert. „Das INKOMENSURABLE … subvertiert jegliche Tatsachenidealität.“(04) Der Lichtstrahl kann nur die Wirklichkeit des Subjektes treffen. Nur in ihm kann der Strahl Betroffenheit auslösen. In seiner Unberechenbarkeit gleicht er keinem übergeordneten System. Er ist niemals hierarchisch zu verstehen und er lässt sich nicht instrumentalisieren. Um ihn zu erfahren, muss man sich ihm öffnen. Ohne Öffnung ist er unwirksam. Der Lichtstrahl ist zurückhaltend und in seiner dazugehörenden dunklen Phase bestenfalls erahnbar. „Die Dimension dieses Außens ist die Dimension des Schweigens, einer absoluten Stille“, sagt Steinweg.(05)

Interessanterweise führen jüngere Philosophen  den Begriff des Subjektes wieder ein. Auch in der Kunst ANISH KAPOOR wird zumindest die Innen- und Außendimension wieder thematisiert. „Die bekannten Einzugstrichter …, die die Welterfahrung des Betrachters auf den Kopf stellen … konfrontieren den modernen Betrachter mit dem Unendlichen, dem eignen oder dem alteritären.“(06)


Abheben

 

Diese andere Dimension, diese Außendimension,  ist in der Postmoderne nur als Ersatzform vorhanden, die sich in einem esoterischen Abheben äußert. Als Symbolgestalt dieser Entwicklung kann sicher MARIKO MORI angesehen werden. In ihrem Wave-Ufo transportiert sie ihre BesucherInnen in eine Traumwelt. „Halluzinatorische Videobilder, per Computer auf die Innenwände projiziert, lassen die Betrachtenden virtuell über Ozeane und Kontinente in einen spirituellen Kosmos fliegen.“(07) Das Ufo „inszeniert symbolisch eine Art Auflösung des Menschen“.(08) SCHWERELOSIGKEIT entsteht im Zeitalter der Elektronik durch die Verwandlung der Dinge in „Immaterialien“. Im Cyberspace entsteht das Gefühl der Leichtigkeit und führt zu einer „FLUCHT aus der Welt des Elends, des Schmutzes, des Verfalles, des Schmerzes, des Todes, Flucht also aus der Leiblichkeit und ihren Bedingungen.“(09) Auch der Körperkult wird im Cyberspace auf Sinnesreize reduziert und so auf illusionäre Weise fortgesetzt. Durch diese Loslösung von der Erdenschwere „verlieren wir … den Boden unter den Füßen, weil es keine Gewissheiten mehr gibt“.(10) Auch auf ökonomischer Ebene wird Ballast abgeworfen. Outsourcing und Sale-and-Lease-back-Verträge führen zu einer „schwerelosen Ökonomie“ mit einem Höchstmaß an Liquidität. Was bleibt, ist eine liquide Wirtschaft mit virtuellen Firmen. Führt diese „Existenz auf  Pump“(11) nicht auch zu einem Glück auf Pump, zu einem illusionären Glück? Théodore Géricault sagte schon: „Wirklich ist nur das Leid“.



Wir leben in einem dynamischen, sich selbst organisierenden und offenen System, das nach NICLAS LUHMANN paradoxerweise gleichzeitig geschlossen ist. Das offene System muss ja auch geschützt werden. Das System öffnet sich und saugt alles in sich auf, was zu dessen Erhaltung nützlich ist. Ausgefiltert wird, was schaden könnte. Die Ausbeutung von Ressourcen und Menschen ist großteils die Folge. Das spärliche Wissen darüber führt zu keiner Veränderung, da unsere Nachrichtensysteme ein sich selbst reinigendes System darstellen. Geschrieben wird vor allem was gelesen wird. Gelesen wird, was einen Reiz auf den Rezipienten ausübt. Es gibt auch unangenehme Informationen, die aber meist andere Menschen betreffen. Auch sie haben ihren Reiz. Schon Lukrez (97-55 v. Chr.) sagte: „Süß ist’s anderer Not … von fernen Ufer zu schauen.“ In diesem Sinne meint Susan Sontag, dass schlechte Nachrichten eine DISATANZ schaffen, in dem sie uns das Gefühl geben, selbst in Sicherheit zu sein.



Der Reiz dient der REIBUNGSLOSEN Dynamik des Systems. So lebt es sich relativ ungezwungen und man ist als subjektloses Wesen frei von Schuld. Dieses angestrebte irdische Paradies funktioniert solange, bis dessen Grundlagen zerstört sind. Diese bunt schillernde Seifenblase schwebt, bis sie platzt.


Distanz, Erkenntnis und Bewusstsein


Gefangen in der HEITEREN IMMANENZ, schafft der Mensch nicht den distanzierten Blick. Denn das was wir sehen und wahrnehmen wird von uns selbst vorgegeben. Wir befinden uns in Räumen KONSTRUIERTE SICHTBARKEIT.(12)  Nur durch den Versuch, seine Wahrnehmungsgrenzen zu überschreiten, erlangt der Mensch eine Distanz zu seiner Welt und zu sich selbst. Transzendenz beginnt durchaus mit diesseitigen Grenzerfahrungen, führt aber bis zur „Erfahrung nicht-präsentischer Präsenz“.(13) Die Folge ist immer ein Relativieren der wahrgenommenen Wirklichkeit und ein Erkenntnisgewinn, der durchaus schmerzhaft sein kann. Eine Transzendenzerfahrung, eine Gotteserfahrung, übersteigt jede gewohnte Sinneserfahrung. Sie wird begleitet von Glücks- und/oder Schmerzerfahrungen und führt zu einer ungewohnten Erkenntnis.



Der Lichtstrahl vermag, die bunt SCHILLERNDE IMMANENZ zu durchstoßen. Sie trifft den Menschen und führt zu einem neuen Bewusstsein. Papst Benedikt XVI sagte als Kardinal 2002: „Die Überwältigung durch die Schönheit Christi ist realere und tiefere Erkenntnis als bloße rationale Deduktion. … Das Getroffensein vom Strahl der Schönheit, das den Menschen verwundet, ist das eigentliche Erkennen.“(14) Und Josef Beuys in einem Gespräch mit Friedhelm Mennekes: „Ohne den christlichen Stoff, das Element des Lebens, Geistes und Imagination … ist eine positive Bewusstseinsbildung nicht möglich.“


Beispiele aus der Kunst


Die Marsyas-Plastik von ANISH KAPOOR thematisiert den Schmerz des gehäuteten Marsyas und verschmilzt eine Innen- und Außendimension. Seine Arbeit „Stigmata“ zeigt „ein schäumendes, rinnend-nässendes Wundmal-Bild auf rotem Grund“. „Die auratische Aufladung wird zum Widerstreit der Kräfte zwischen innen und außen, Verletzung und Schönheit, Bewusstem und Unbewusstem“.(15)



In FRA ANGELICOS „Stigmatisierung des hl. Franziskus“ führen Lichtstrahlen zu den Wundmalen Christi. Das schmerzhafte Getroffensein mit gleichzeitig offener Zuwendung wird im Bild sichtbar gemacht.


Ein Lichtstrahl kann auch das Auserwähltsein in den Vordergrund stellen. In GIOTTO di Bondones „Anbetung der Hl. Drei Könige“ in  Padua verweist - äußerst ungewöhnlich zu dieser Zeit - der Komet auf Christus, den Auserwählten, den Gesalbten, auf den Messias. Die meisten Darstellungen des Themas zeigen keinen Kometen oder keinen Stern. Wird ein Stern dargestellt, dann immer ohne Schweif oder maximal mit einem Lichtstrahl, der auf Christus gerichtet ist. Bei Giotto wird so die Besonderheit eines Ereignisses hervorgehoben, das zu einer radikalen Veränderung und zu einem Wendepunkt führt, wie es die Geburt Christi in der Geschichte der Menschheit darstellt.



Ein Wendepunkt bzw. eine Verwandlung wird in RUBENS’ „Die Bekehrung des Saulus zum Paulus“ dargestellt. Die Verwandlung ist nach menschlichen Maßstäben nicht nachvollziehbar.



Weil es in einem besondern Bezug zur Herz-Jesu-Kirche steht, soll auch das folgende Bild genannt werden. FRA ANGELICOS „Longinus“ zeigt, wie der Soldat die Seite Christi öffnet. Statt einem Lichtstrahl bohrt sich hier der Speer in sein Herz.  Die Legende erzählt, wie der einäugige (?) Longinus das Blut auffängt und sein blindes Auge bestreicht. Darauf wird er sehend. Gemeint ist hier auch sein geistiges Auge, das zu der Erkenntnis führte, dass Jesus kein gewöhnlicher Mensch war.

Ein weiteres Bild von FRA ANGELICO - „Die Verkündigung“ – verdichtet die bisherigen Merkmale des Lichtstrahles und beinhaltet viele Gegensätze. Der Strahl macht die Maria zu einer Auserwählten und verweist wieder auf ein bedeutsames Ereignis. Es zeigt den Eintritt des Unendlichen in das Endliche, das Inkommensurable in das Messbare (Bernhard von Siena). Der linke Bereich mit dem Sündenfall zeigt komplexe Formen und die Quelle des Lichtes. Der Engel Gabriel und Maria werden dagegen von einer streng geometrischen und perspektivischen Architektur umrahmt. Es ist der Bereich des Irdischen, des Messbaren, der Bereich der Gesetze, dem wiederum der Bereich der Gnade entgegengesetzt ist. Auch ist Eva die Umkehrung des ersten Wortes des Englischen Grußes „Ave“. Es kreuzen sich zwei entgegengesetzte Zeitbegriffe: Kairos, der besondere Augenblick, und Chronos, die linear verlaufende Zeit. Ganz deutlich wird der Gegensatz von Außen und Innen. Der ungeschützte Raum mit dem Sündenfall steht dem geschützten und in sich abgeschlossenen Raum gegenüber. Der Lichtstrahl durchbricht die Trennung.


Zusammenfassung


Die Installation an der Westfassade der Herz-Jesu-Kirche versucht, die eben genannten Merkmale zu vereinen. Der Lichtstrahl verweist auf ein besonderes Ereignis, nämlich auf das Jubiläum der Kirche. Für einen gewissen Zeitraum wird sie zu einer „auserwählten“ Kirche. Der normale Zeitfluss wird unterbrochen, indem der Lichtstrahl die Horizontale sprengt. Etwas humorvoll könnte man sagen: Für eine befristete Zeit schenkt Gott der Pfarre Herz-Jesu den Himmel auf Erden.


Der Lichtstrahl ist UNBERECHENBAR und verweist auf das Inkommensurable. Er erinnert an einen Blitz, der betroffen macht. Er erinnert auch an einen Kometen, der als Fingerzeig Gottes gedeutet werden kann. Die Kreuzung von Lichtstrahl und Horizontaler macht die Kirche zu einem Kreuzungspunkt, zu einem Brennpunkt, in dem sich alles verdichtet und in dem sich alles wandeln kann.

 

Hermann Präg, 2008

 

Home

 

01   Dorothee Sölle, Mystik und Widerstand, Hoffmann und Campe, Hamburg 1997, S 143

01a Enzyklika Deus Caritas, Papst Benedikt XVI., 2005: „Gott ist der Urquell allen Seins überhaupt;aber dieser schöpferische Ursprung aller Dinge — der Logos,  die Urvernunft“

02   http://www.ottosell.de/pynchon/dekon.htm

03   Ihab Hassan in: Wege aus der Moderne, W. Welsch (Hg.), VCH Vertl.ges. mbH, Weinheim 1988, S 50

04   Marcus Steinweg, http://artnews.info/magazine.php?g_a=index&g_i=4067
05   Steinweg, a. a. O.

06   Johannes Rauchenberger in: Kunst und Kirche, 1/2003, Verlag DAS BEISPIEL GmbH, Darmstadt, S 16

07   http://www.swissart.net/e/news/index.php3?gl_cont=%2Fe%2Fnews%2Farchive- article.php3%3Fmyeditid%3D308%26langindex%3Dde

08   Yvonne Volkart in: http://www.medienkunstnetz.de/werke/wave-ufo/

09   Hartmut Böhme, Zur Theologie der Telepräsenz, http://www.culture.hu-berlin.de/hb/volltexte/texte/telepraes.html
10   Philipp Oswalt in: Thesis, Wissenschaftliche Zeitung der Bauhausschule, 5. Heft, Weimar 1998

11   Jeremy Rifkin, Access, Das Verschwinden des Eigentums, Campus Verlag, Frankfurt 2000, S  58 ff

12   John Rajchman in: Imagineering, Tom Holert (Hg.), Jahrb. f. moderne Kunst, Jahresring 47, Oktagon, Köln 2000, S 51

13   Marcus Steinweg, a. a. O.

14   Kardinal Ratzinger, 2002: http://www.cl-deutschland.de/spuren/2002/sep02/ratzinger.php15   Rauchenberger, a. a. O.

15   Reinhard Hoeps u. a. (Hg.), Himmelschwer, Katalog, Wilhelm Fink Verlag, München 2003, S 86

Bildquellen:
Dr. Rudolf Sagmeister, Kunsthaus Bregenz: Mariko Mori, Wave Ufo, 2003