Zum Inhalt

Zur Navigation



Vom Weltbild zum Wunschbild

Die Grenzen unseres Bewusstseins

 

Entdinglichung

 

Es ist schwer, SPRACHE UND BILD völlig voneinander zu trennen. „Jegliche Sprache ist ... unausweichlich metaphorisch, arbeitet mit ... Bildern, es ist ein Fehler zu glauben, dass irgendeine Sprache buchstäblich wörtlich ist.“(01) Auch der Ausspruch Wittgensteins „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“ in seinem Tractatus logico-philosophicus kann grundsätzlich auch auf Bilder übertragen werden. Das Aneignen der Welt und das Denken erfolgen gleichermaßen in Bild und Sprache. Soweit sind es auch referenzielle, ikonische Mittel, die auf etwas verweisen, im Verlaufe ihrer Verarbeitung aber nicht nur auf Konkretes, sondern auch auf Abstraktes.

 

Die Aussage Wittgensteins verweist aber auf die Problematik, wie weit die ÄUSSERE WELT wirklich ins Bewusstsein dringen kann. Gerade heute wird jede Wirklichkeit von Computerprogrammen und Interpreten zubereitet. Die mediale Aufbereitung unserer Welt ist für Lyotard Anlass zur Warnung vor einer digital ENT-DINGLICHTE WELT (02). Die Zeichen haben also mit den Dingen nichts mehr zu tun. Sie selbst werden zum Gegenstand unserer Auseinandersetzung. Wir beschäftigen uns mit den Zeichen und nicht mit den Dingen. Diese Informationsträger wirken kybernetisch aufeinander. Wenn wir Grenzen unterliegen, dann den Grenzen eines kybernetischen Raumes, also denen des Cyberspace.

 

Die Trennung der Zeichen von den Dingen

 

Die industrialisierte Welt hat kein Interesse, diese Entwicklungen zu hinterfragen. Die entdinglichte Welt führt nämlich zu einer Verdinglichung und Kommerzialisierung des Wissens.(03) Zu viele profitieren davon. Wir haben uns durch Sprache und Bilder nicht an die Wirklichkeit angenähert. Schon Susan Sontag verweist darauf, dass das Bild mit Abbildungsfunktion nicht eine Annäherung, sondern eine DISTANZ ZUR WIRKLICHKEIT herbeiführt. Bemerkenswert ist, dass die zunehmende Suche nach selbstreferentiellen Bildern in der Kunst sich fast von selbst erledigt. Die Distanz zwischen Bild und Wirklichkeit wird so groß, dass die Referenz bald nur noch als eine Erinnerung vorhanden sein wird. Der Markt spielt geschickt mit solchen Erinnerungen.

 

Durch die zunehmende Distanz zur äußeren Welt schaffen wir unsere eigene Wirklichkeit, eine innere Welt. Eine KOLLEKTIVE INTROVERSION findet statt. Die elektronischen Medien sind zwar eine "Erweiterungen des Zentralnervensystems"(04) , sagen aber dadurch mehr über den Menschen aus als über die äußere Welt. Bilder und Informationen, die vom Markt kundenorientiert organisiert werden, ergeben kein Abbild der Wirklichkeit. Unser Bild von der Welt, unser WELTBILD VERWANDELT SICH ZU EINEM WUNSCHBILD.

 

Die Trennung der Zeichen von den Dingen wird begleitet von der Trennung von Form und Inhalt und dem postmodernen Ersetzen der Erfahrungen durch Erlebnisse. Das THEATRALISCHE, das SCHWEBENDE, die LEERE oder die Vorliebe für das Außergewöhnliche kennen wir von HAGESANDROS, später von GIAMBOLOGNA oder TINTORETTO. Manierismen entstehen häufig im Zusammenhang mit plötzlichen Ausweitungen der Reichweiten - vielleicht auch der Macht - des Menschen. Der manieristische Hellenismus entstand unter Alexander d. Großen, der Manierismus des 16. Jahrhunderts nach der Entdeckung Amerikas und die Postmoderne durch die Vernetzung aller Informationswege der industrialisierten Länder.

 

Durch radikale Veränderungen entsteht eine Relativierung der Werte. Mehr denn je lösen sich die harten Tatsachen auf, an denen man sich früher orientieren musste. Wir leben wie freischwebende Partikel in einer sich abhebenden Informations-Wolke, wir „verlieren ... den Boden unter den Füßen“(05). Dem Ausstellungsmacher und Posthumanisten Jeffrey Deitch zu folge geht es „mehr um Image als um Substanz“(06) und nicht um Wahrheit. Die Wolke ist ein System, das eine neue, leichtere Wirklichkeit und gleichzeitig ein kollektives Bewusstsein schafft. Damit wird auch das SUBJEKT AUFGELÖST („Verlust von Ich“(07)), wie auch Hans Belting feststellt(08). Mit dieser Auslöschung, mit der Reduzierung des Menschen zu einem Objekt, wäre das letzte Tabu, der Mensch als unverfügbares Wesen, gebrochen.

 

Cyberspace als göttlicher Prozessor

 

Diese sich abhebende Wolke hat etwas Himmlisches oder Göttliches an sich. Dieser Cyberspace ist unendlich, leicht und körperlos wie Gott. Gott ist nach Hartmut Böhme – Nikolaus von Kues zitierend – der Nicht-Andere. „Gott ist ... absolute Bedeutung. Signifikant und Signifikat zugleich“. Gott ist wie der Cyberspace der Prozessor. Er wird von vielen als die „Problemlösung der irdischen Nöte“ angesehen.(09) Wir schaffen so ein PARADIES AUF TECHNISCHEM WEG, ein neues Opium für das Volk.

 

Der VERLUST DES KÖRPERS im Cyberspace führt nicht zur körperlosen Existenz des Menschen - ganz im Gegenteil. Im Cyberspace selbst werden Körperäquivalente durch perfekte Oberflächensimulationen entwickelt. Als nahezu unerreichbare Vorbilder führen sie zu einem Körperkult. Auch die Bodyart will den Körper neu erfahrbar machen. Wir treten in eine Konkurrenz zum Cyberspace. Gerade in diesem Wettlauf müssen wir uns ständig optimieren. Das SUBJEKT wird zum WANDLUNGSFÄHIGEN OBJEKT DES SYSTEMS. Der Einzelne kämpft um seine Anerkennung und nicht für eine übergeordnete Idee. Der Verkauf der Seele wird zum rentablen Geschäft. Die Eigenschaften des Cyberspace beeinflussen so die Gesellschaftsform.

 

Wunschbild statt Weltbild

 

Wenn wir schon statt einem Weltbild ein Wunschbild erzeugen, so könnte es sein, dass wir eines Tages sehr unangenehm aus einem Traum aufwachen. Wir leben in einem dynamischen, sich selbst organisierenden System. Es ist somit ein offenes System. Doch auch offene Systeme müssen geschützt werden. Das offene System nimmt auf, was ihm dienlich ist. Es schließt aus, was im nicht dienlich ist (nach Niklas Luhmann). Auch innen ist das System nur bedingt offen. Machtzentren haben sich lediglich dezentralisiert. So sind sie „in gewisser Weise rigider, auswegloser, weniger verwundbar“.(10) Auf Grund dieser SCHEINOFFENHEIT finden Menschen, die dem System nicht dienen können, keinen Zugang. Menschen, die im Cyberspace für sich kein Äquivalent entwickeln können, werden nicht wahrgenommen. Diese unbekannte Masse an Menschen wird einfach vergessen. Die offene Gesellschaft ist eine Täuschung.

 

Der Terrorismus ist die extremste Form einer dazu in einer komplementären Beziehung stehenden Entwicklung. Komplementär deswegen, weil das eine System das andere fördert. Nach Jean Baudrillard wollen Terroristen in unser ewig zirkulierendes Tauschsystem wieder eine Singularität entstehen lassen. Das Ereignis des 11. September war nichts anderes als ein Durchstoßen unserer schillernden Seifenblase. Wann wird sie platzen?

 

Fazit

 

Sprache und Bilder in einer ausschließlich medial wiedergegebenen Welt geben wenig Auskunft über sie. Sie dienen viel mehr der Selbstbespiegelung des Menschen und sind Ausdruck der narzisstischen Verliebtheit in die eigenen Möglichkeiten.

 

Hermann Präg, 2004

 

Home

 

01   Terry Eagleton: Einführung in die Literaturtheorie, Stuttgart 1992, S 131
02   Anil K. Jain, Zeitschrift der Historiker und Politologen der Universität München, Nr. 7, Wintersemester 1998, http://www.power-xs.de/jain/pub/marxgespenster.pdf
03   Anil K. Jain, a.a.O., http://duplox.wz-berlin.de/people/s/anthropolitan/suessbri.html, Netzversion 1997
04   McLuhan, 1964, zitiert in: Ute Süßbrich, in: Von der technischen Erweiterung des Menschen, Mitteilungsblatt der Frankfurter Gesellschaft zur Förderung der Kulturanthropologie (GeFKA), Jahrgang 4, 1996, http://duplox.wz-berlin.de/people/s/antthropolitan/suessbri.html, Netzversion 1997
05   Philipp Oswalt, Entwerfen von Natur 1998, http://www.oswalt.de/de/text/txt/natur_p.html
06   Philipp Oswalt, a.a.O.
07   Ihab Hassan: Postmoderne heute, in: Welsch, Wolfgang (Hg.): Wege aus der Moderne, 1988, S. 47-56
08   Hans Belting, Echte Bilder und falsche Körper, Frankfurter Allgemeine Zeitung 13. 7. 2002
09   Hartmut Böhme, Zur Theologie der Telepräsenz, in: Frithjof Hager (Hg.): KörperDenken. Aufgaben der historischen Anthropologie; Berlin 1996, S. 237–249, http://www.culture.hu-berlin.de/HB/volltexte/texte/telepraes.html
10   Terry Eagleton in einem Interview, in: Die Zeit, Archiv 34/1998, http://zeus.zeit.de/text/archiv/1998/34/199834.eagleton_.xml