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Vom Symbolwert des Lichtes

 

Vernissagerede von Prof. Franz Bertel

anlässlich der Ausstellung im Studio Drehpunkt, Brielgasse 27, A-6900 Bregenz am 31. 1. 2004

 

Liebe Zuhörerinnen, liebe Zuhörer,

meinen Aussagen zu den Objekten Hermann Prägs möchte ich zwei Sätze des Atomphysikers NIELS BOHR voranstellen. Sie lauten: „Das Gegenteil einer Aussage ist eine unrichtige Aussage. Das Gegenteil einer tiefen Wahrheit ist eine andere tiefe Wahrheit.“

Um dem wahren Sachverhalt in den Bildwerken Prägs näher zu kommen, möchte ich zunächst auf zwei Entwicklungstendenzen innerhalb der bildenden Kunst der klassischen Moderne des 20. Jahrhunderts verweisen.

Innerhalb dieser Entwicklung ist auch ablesbar ein allmähliches Verschwinden der grobstofflichen Dinge und des Gegenstandes.

VINCENT VAN GOGH hat dies schon erahnt in den späten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, als er in einem Brief an seinen Bruder die Vermutung äußerte, dass die kommende Kunst in stärkerem Maße von der Musik bestimmt sein werde und nicht von dem stofflich so Begreiflichen der Architektur.

In dem 1918 verfassten, 1921 erschienenen Traktat LUDWIG WITTGENSTEIN lautet der 1. Satz: “Die Welt ist alles, was der Fall ist“. Im 2. Satz heißt es dann: “Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.“
KASIMIR MALEWITSCH schreibt in seinen Betrachtungen 1914-1919: „Die Dinge und Gegenstände der realen Welt sind wie Rauch für die Natur der Kunst verschwunden ...“ und malt radikal mit äußerster Reduktion ein Meditationsbild, ein schwarzes Quadrat der Verneinung auf weißem Grund 1915 und ein weißes Quadrat in der Farbe der Trauer und der Unschuld auf weißem Grund, so dass alles nur Licht reflektiert, zuletzt. War sein Suprematismus das Höchste, das Oberste, das Ärgste?

1912 veröffentlicht WASSILY KANDINSKY seine Schrift „Über das Geistige in der Kunst“ im Almanach „Der Blaue Reiter“ und war überzeugt davon, dass „der Gegenstand stört“. Und NATALIA GONTSCHAROWA malte zu gleicher Zeit in Moskau elektrisches Licht.

Seit einigen Jahrzehnten unserer Zeit lässt sich eine starke Veränderung der Wahrnehmungsprozesse beobachten, wahrgenommen wird in hohem Maße das, was erscheint im flimmernden Licht der Fernsehscheibe, in der Flut des sekundären Signalsystems also und nicht im primären Signalsystem.

Soweit das allmähliche Verschwinden der Wirklichkeit, das Verschwinden der Dinge und des Gegenstandes.

Gleichzeitig zu all diesen Erscheinungen werden die bildnerischen Mittel in immer stärkeren Maße autonom. Das eigentlich Konkrete, die bildnerischen Mittel, gewinnen an Eigenwert: die Farbe, ihr Klang, die Form, die Fläche, Linie und Struktur, Idee und Konzept und Licht, das sich abzeichnet in LICHTBILDERN und Lichtspielen – und schließlich Licht als ungreifbares Medium in seinem Aufleuchten und Leuchten, Verdämmern und Erlöschen.

Natürlich war das Licht als das ursprünglichste Element durch all die Jahrhunderte auch der europäischen Malerei das Thema bildnerischen Bemühens schlechthin. Aber trotz des unerhörten Bemühens der bedeutendsten Maler war die Einbildung von Helle selbst mit den hellsten Pigmenten der Farben kaum zu schaffen, blieb letztlich illusionistisch, stand doch der strahlenden Leuchtkraft und Schwerelosigkeit des Immateriellen des Lichtes die lastende Schwere der materiellen Farbpigmente entgegen.

Erst nachdem im endenden 19. Jahrhundert, besonders durch die Erfindung A. EDISONS, die technologischen Voraussetzungen geschaffen worden waren, setzten anfangs des 20. Jahrhunderts mit den Experimenten THOMAS WILFREDS die Bemühungen ein, den Farbstoff zu überwinden und zur optischen Gestaltung direktes Licht zu verwenden. Diese Bemühungen um eine neue Kunstform wurden am Bauhaus besonders von MOHOLY-NAGY in seiner Lichtwerkstatt fortgesetzt. Und innerhalb dieser Bemühungen in einem Zeitalter, das man das optische Zeitalter nennt, sind auch die Arbeiten Hermann Prägs zu sehen.

Die Objekte Prägs sind eckige Behälter, die Frontseiten eckig, im Gleichgewicht das elementar bestimmende Kräfteverhältnis von Horizontaler und Vertikaler – im Gleichgewicht wie die Breite, die Weite und die Höhe, die Tiefe der Welt.

Im Gleichgewicht oft das Linke und Rechte, das Oben und Unten; symmetrisch: zusammenwerfend die Maße im Ganzen der Ordnung, die Kreuzungspunkte und Koordinaten unsichtbar, erahnbar aber im klaren konstruktiven Gefüge als BRENNPUNKTE.

Im Kontrast dazu flimmern, erlöst, nur Mittel zum Zweck zu sein, umgeben von so begreiflichen Strukturen hinter sensibel bearbeiteten transparenten Plexiglasscheiben in der Leere des Raumes immaterielle Lichter, etwas, das alles wie mit einem Mantel umhüllt, erleuchtet, „ans Licht bringt“; Licht, das alles ist, was wir nicht sind: strahlende Energie, substanzlos, nicht zu fassen, nicht zu begreifen im doppelten Sinne des Wortes (selbst physikalisch umstritten, wie und wodurch es sich in unfassbarer Geschwindigkeit bewege); kalte weiße elektrische Lichter nur, entfernt erinnernd an die großen und die kleinen Lichter im All, dem ELEMENTARSTEN, das da war im Anfang und im URSPRUNG der Zeit, so hell, so licht, so leicht, so rein; leuchtend und wärmend; leblos, und doch Grundlage allen Lebens; farblos, und doch offenbarend alle Farben, gebrochen im Spektrum des Regenbogens, der sich hoch am Himmel wölbt über der Erde, beides verbindend als Zeichen des alttestamentarischen Bundes von Gott und den Menschen.

„Gott ist Licht und in ihm ist keine Finsternis,“ lese ich im 1. Johannesbrief 1,5. Aber ich denke an einen Konditionalsatz des PAPSTES JOHANNES XXIII, der in seiner Klugheit und Güte auch des Schattens gedachte und sagte: „Wenn Gott den Schatten erschaffen hat, dann war es, um das Licht hervor zu heben.“ Und so hat er das Helle mit dem Dunklen verbunden wie es verbunden ist in der dialektischen Verschränkung im chinesischen Yang Yin.

Und natürlich denke ich an das Naheliegende, an den Schatten, den ich werfe wo immer ich gehe und stehe im Licht. Und ich höre meinen Nachbarn sagen: „Wenn die Nacht keine Türe hätte, woher käme der Tag.“ – Der Tag, der uns versprochen ist in der Genesis, in der es am Ende jedes Schöpfungstages heißt: „Es wurde Abend und es wurde Morgen.“

Mehrfach habe ich nun auf Zusammenhänge vom Symbolwert des Lichtes und der Erleuchtung in religiösen Vorstellungen und in spirituellem Denken anklingen lassen. Das tut auch Präg. In einer Zuschrift, unter dem Stichwort „Paradies“, beklagt er einen Zustand, in dem uns ständig und überall ein Paradies einer schönen neuen Welt vorgegaukelt wird in der Fülle des Habens. Aber, um FRANZ KAFKA zu zitieren, „es gibt kein Haben, nur ein Sein.“
Und Präg verweist auf einen merkwürdigen „Zusammenhang der Merkmale des Fortschritts in unserer Zeit mit den Elementen der Religion und der Mystik“, die nach D. SÖLLE umfassende „Erfahrung der Einheit und Ganzheit des Lebens“ ist.

Ein solcher Zusammenhang besteht. Nur sind die Vorstellungen und traumhaften Urbilder von einem paradiesischen Sein in den Heilserwartungen jetzt und einst grundlegend verschieden.

In den Schriften HUGO BALLS, des Mitbegründers der Dada-Bewegung in Zürich 1916, lese ich u. a. von JOHANNES SINAI, dem Asketen, dem Vater christlicher Mystik und seinem umfangreichen Werk, später „Scala Paradiesi“ genannt, von den 30 Stufen der Himmelsleiter, die ins Paradies führen sollten – von seiner 40-jährigen Zurückgezogenheit in die Stille meditativen Erfassens der Ganzheit von Materiellem und Spirituellem lese ich – seinem Lassen und Gelassenheit – von seinen Gedanken an den Tod als „das tägliche Brot“ lese ich – und von der Bedeutung der Askese, die die Gesetze der Distanz zu den Dingen lehrt und die Distanz zum eigenen Ich, denn ohne diese Distanz ist geistige Existenz wohl kaum möglich und ein hohes Maß an Sensibilität nicht zu ertragen.

Diese Distanz habe ich auch vorgefunden in der stillen, schwebenden Schwerelosigkeit der Botschaften vom Licht und den Schatten in den Objekten Hermann Prägs. Ich möchte diese Botschaften mit ihrem Symbolgehalt des Alltäglichen mit einem Satz FRANCESCO PETRARCAS zusammenfassen, denn gleich, ganz gleich ob als Symbol für Licht „die Heiligenscheine stehen wie vor Jahrhunderten und nun das Licht der Provence“ – wie VINCENT VAN GOGH meinte, ganz gleich ob Licht der Kerzen im Dienste der Transzendenz oder elektrisches Licht im Dienste der Transparenz, es gilt der Satz Petrarcas: „Cosa, bella mortal passa non dura.“ – was schön ist und sterblich, vergeht und dauert nicht.

Ich danke Hermann Präg für seine Mit-teilungen. Ihnen danke ich für die Teil-nahme.

 

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